Zukunft säen

Die diesjährige Ökumenische Fastenkampagne von Fastenaktion und HEKS setzt sich für das Recht von Bäuerinnen und Bauern auf lokales Saatgut ein – eine zentrale Grundlage für Ernährungssicherheit.

Das Kampagnensujet: Das Recht auf lokales Saatgut ist die Grundlage für eine hoffnungsvolle Zukunft. (Bild: zvg)

 

Wer über einen Wochenmarkt geht, begegnet oft  einer erstaunlichen Fülle an Farben und Formen: Tomaten in Gelb, Orange und Tiefrot, Rüebli von fast Weiss bis Violett. Diese Vielfalt erfreut nicht nur Auge und Gaumen. Sie verweist auf eine tiefere Wahrheit: Die Schöpfung ist reich, wider- standsfähig und auf Vielfalt angelegt. Diese Sortenvielfalt ermöglicht eine Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet statt gegen sie.

Aus agrarökologischer Sicht ist dies unverzichtbar. Die passende Sorte am passenden Ort benötigt weniger chemische Unterstützung, ist robuster gegenüber Krankheiten und besser gewappnet gegen klimatische Extremereignisse. Angesichts der globalen Erwärmung wird deutlich: Genetische Vielfalt ist eine notwendige Versicherung für die Zukunft der Ernährung.

Ein spirituelles Erbe

Diese Vielfalt ist das Ergebnis jahrtausendelanger Arbeit von Bäuerinnen und Bauern, die Saatgut weiterentwickelt, weitergegeben und gehütet haben. In vielen Regionen des Globalen Südens ist diese Praxis bis heute selbstverständlich und lebensnah. Diese Systeme erzeugen nicht nur Vielfalt, sondern stärken auch die Ernährungssouveränität und die Würde der Menschen, die von ihrer Arbeit leben. Zudem verbindet Saatgut sie über Generationen hinweg und wird als spirituelles Erbe der Vorfahr/innen verstanden.
Doch diese reiche Vielfalt ist massiv bedroht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt verloren gegangen sind. 
Die Geschichte zeigt, wie gefährlich diese Monotonie ist. Die grosse Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert war auch eine Folge der Abhängigkeit von wenigen Kartoffelsorten. Als eine Kartoffelfäule auftrat, gegen die keine Sorte resistent war, brach das System zusammen – mit verheerenden menschlichen Folgen. Solche Erfahrungen mahnen zur Demut: Technische Kontrolle ersetzt die Vielfalt nicht.

Verantwortung wahrnehmen

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte die  Industrialisierung der Landwirtschaft den Verlust an Sorten dramatisch. Gleichzeitig konnten private Konzerne immer mehr Macht konzentrieren. Heute kontrollieren wenige multinationale Unternehmen einen grossen Teil des globalen Saatgutmarkts, was ihnen zu erheblichem politischem Einfluss verhilft. 

Besonders problematisch sind sogenannte Sortenschutzgesetze, die patentähnliche Rechte auf Saatgut etablieren. Was als «Schutz» bezeichnet wird, dient in Wahrheit vor allem der Absicherung kommerzieller Interessen. In vielen Ländern des Globalen Südens schränken solche Gesetze den Tausch, Verkauf und sogar die Wiederverwendung von Saatgut aus eigener Ernte stark ein. Damit wird genau jene bäuerliche Praxis untergraben, die Vielfalt überhaupt erst hervorgebracht hat.

Vielfalt zu bewahren ist daher mehr als eine Frage des Konsums. Es ist eine ethische Entscheidung, ein Akt der Solidarität und ein Bekenntnis zu einer Schöpfung, die nicht dem Profit, sondern dem Leben dient. Wer vielfältige lokale Sorten anbaut, kauft und isst, beteiligt sich an diesem Auftrag – im Vertrauen darauf, dass in der Vielfalt die Zukunft liegt.

Fanny Bucheli

 

Mehr über die Ökumenische Kampagne und wie diese unterstützt werden kann unter www.sehen-und-handeln.ch


Fanny Bucheli

Fanny Bucheli betreut bei Fastenaktion die Kommunikation der Ökumenischen Kampagne. Als freie Journalistin hat sie in Asien gelebt und zu Wirtschaft, Gesellschaft, Touristik und Frauenthemen geschrieben.